ERRICHTUNG
Errichtung des Elektrizitätswerkes und Bau der
elektrischen Straßenbahn
Am 22. April 1896 unterschrieben Dr. Adolph und Bürgermeister Frantz
den Konzessionsvertrag mit der AEG. Nun lag es an der AEG, das "Elektricitäts-Werk
zur Abgabe von elektrischer Energie an die Stadt und an sonstige Consumenten
für Beleuchtungs-, Kraft- und andere elektrotechnische oder elektrochemische
Zwecke" und die Straßenbahn mit den vereinbarten drei Linien
umzusetzen. Die erste Linie sollte vom Chausseehaus im Buschmühlenweg
bis zur Kreuzung Berliner Chaussee/Cüstriner Straße führen.
Die zweite Linie war vom Bahnhof bis zum Schützenhaus zu errichten
und die dritte Linie war vom Neuen Kirchhof bis zur Ecke Junkerstraße/Große
Scharrnstraße gedacht. Dafür ermöglichte die Stadt der AEG
für 50 Jahre alle ihr gehörigen Straßen, Plätze und
Brücken zur Verlegung von Stromleitungen und Gleisanlagen zu benutzen.
Danach sollte die Gesamtanlage mit allem Zubehör unentgeltlich in das
Eigentum der Kommune übergehen.
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| Giebelansicht der Kraftstation |
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Das geeignete Betriebsgelände fand Regierungsbaumeister Golcher, der
von der AEG mit dem Frankfurter Projekt beauftragt war, im Grundstück
Fischerstraße 6/Bachgasse 4, welches sie der Witwe des Oberregierungsrates
Graf Finck von Finckenstein abkauften. Hinter dem vorhandenen Wohnhaus aus
dem 18. Jh., das zum Verwaltungsgebäude wurde, sollte das Kessel- und
Maschinenhaus und seitlich davon, der Wagenschuppen und die Werkstatt entstehen.
Die Ausfahrt zur Bachgasse erforderte die Beseitigung der dort stehenden
alten Fachwerkscheune. Nach der städtischen und landespolizeilichen
Genehmigung des Projektes schien der Sache nicht mehr im Wege zu stehen.
Jedoch die öffentliche Auslegung der Pläne brachte mehrere Einsprüche.
Während sich die AEG schnell mit der "Chaussee-Bau Gesellschaft
vom Gubener Tore bei Frankfurt bis Buschmühle" einigen konnte,
gelang dies mit der Eisenbahn wegen der Bahnhofstraße nicht. Die Stadt
wandte sich deshalb mit einer Eingabe an den zuständigen Minister und
erbat die Freigabe der Straße. Nach der im Februar vom Magistrat erteilten
Baugenehmigung begann Zimmermeister R. Ney bald im Auftrag der AEG mit der
Errichtung der Gebäude. In der Dammvorstadt wurde am 7. April der erste
Mast aufgestellt, weitere folgten.
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| Konzessionsvertrag der Stadt Frankfurt
(Oder) mit der AEG |
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| Blick von der Briesener Straße auf die Bahhofstraße und Stadt um 1880 |
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Mitte April begann die Schienenverlegung und ab August die Verlegung des
Lichtkabels. Am 10. Juli traf der erste Motorwagen in Frankfurt ein. Der
anfängliche Wagenpark bestand aus 18 Motor- und sechs offenen Anhängerwagen
für den Sommerverkehr mit einer Spurweite von einem Meter, die die
AEG in der Waggonfabrik van der Zypen & Chalier, Köln und in der
Breslauer Lokomotiv- und Wagenbauanstalt Linke-Hofmann fertigen ließ.
Unter beifälliger Anteilnahme fuhr der erste Wagen mit der Nr. 7 -
er war für die Strecke Chausseehaus - Cüstriner Straße vorgesehen
- auf einem Rollwagen vom Bahnhof durch die Stadt. Der Fortgang der Arbeiten
ließ die Hoffnung aufkommen dass vielleicht noch im Sommer die erste
Straßenbahn fahren würde. Es sollte sich jedoch noch viele Hindernisse
in den Weg stellen.
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| Giebelansicht der Straßenbahneinfahrt |
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Endlich dann, am 20. Dezember, nahm das als Gleichstromwerk errichtete Elektrizitätswerk
den Probebetrieb auf. Im Kesselhaus standen drei von A. Borsig in Berlin
gefertigte Wasserröhrenkessel, die durch zwei Duplex-Dampfpumpen, geliefert
von Weise & Monski in Halle, gespeist wurden. Zwei der Kessel waren
in Betrieb, der dritte diente der Reserve. Die Kessel wurden mit Braunkohle
befeuert. In der geräumigen Maschinenhalle waren drei Dampfmaschinen
der Firma Escher, Wyss & Co in Zürich zu je 200 PS aufgestellt
Jede Maschine war über lange Riemen mit je zwei vierpolige Dynamomaschinen
verbunden. Ein Aggregat diente dem Bahnbetrieb, das andere den Lichtzwecken.
Das dritte diente, je nach Bedarf als Ersatz für beide Zwecke. In jeweils
einem eigenen Raum war die Bahn- und Lichtbatterie - die erstere bestand
aus 250 und die zweite aus 146 Elementen - untergebracht. Das Lichtnetz
wurde für einen Verbrauch von 4.000 gleichzeitig brennenden Glühlampen
von 16 Normal- Kerzen ausgebaut. Nach erfolgreichem Probebetrieb galt am
23. Dezember 1897 das Elektrizitätswerk als eröffnet. Jetzt konnten
die Straßenbahnproben beginnen. Am Neujahrstag begann das Werk die
regelmäßige Abgabe von Strom.
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| Vewaltungsgebäude
in der Fischerstraße 6 |
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Konstruktions-
zeichunng der AEG |
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Einen Tag vor dem Weihnachtsabend verkehrte zum ersten Mal die Straßenbahn
durch Frankfurt. Wagen Nr. 4 fuhr probeweise vom Elektrizitätswerk
zum Neuen Kirchhof und zurück. Die Versuchsfahrten wurden Tag für
Tag fortgesetzt, aber trotz Nacht- und Sonntagsarbeit der AEG- Bauabteilung
erfüllte sich nicht der Wunsch vieler Frankfurter "in den Weihnachtsfeiertagen
mit der Electrischen" fahren zu können. Nach der landespolizeilichen
Abnahme am 20. Januar 1898 fand zwei Tage später die offizielle Eröffnungsfahrt
der Straßenbahn statt. Die von der AEG geladenen Gäste nahmen
in den vier zur Eröffnungsfahrt bestimmten Motorwagen Platz. Die festlich
mit Girlanden geschmückten Wagen fuhren zunächst zum Schützenhaus,
dann zum Chausseehaus, weiter zum Magazinplatz, in die Leipziger Straße.
An allen Straßenkreuzungen wurden die Bahnen von einer begeisterten
Menge erwartet. Die Fahrt endete an der Actien-Brauerei, wo ein Bankett
den Tag der Bahneröffnung beschloss.
Am Tag darauf wurde die Bahn dem öffentlichen Verkehr übergeben.
Nun war aber das eingetreten, was Monate zuvor in Frankfurt schon gemunkelt
wurde. Obwohl es nach der Ministereingabe der AEG gestattet wurde, die Bahnhofstraße
zu benutzen, wofür sie zwei Meter Straßenbreite zu unterhalten
und der Bahn eine jährliche Entschädigung von 550 Mark zu leisten
hatten, war zur Eröffnungsfahrt der Vertrag mit der Eisenbahn-Direktion
in Berlin noch nicht unterzeichnet. Damit durfte die Bahnhofstraße
nicht befahren werden. Die Eröffnung der Straßenbahn fand ohne
die Strecke zum Bahnhof statt! Am Sonntag trat deshalb auch noch nicht der
am 21. Januar veröffentlichte erste Fahrplan in Kraft. Erst nachdem
die Bahn die Genehmigung telegrafisch übermittelt hatte, konnte am
6. Februar der Straßenbahnbetrieb in vollem Umfang aufgenommen werden.
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Erste Fahrplan, Frankfurt Oder-Zeitung,
21.Januar 1898 |
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Die drei entsprechend dem Vertrag ausgeführten Straßenbahnlinien,
welche anfänglich nicht nach Ziffern, sondern nach Farben unterschieden
wurden, ergaben eine Gesamtstrecke von knapp 9,5 km. Am Wilhelmsplatz kreuzten
sich die Linien oder gingen ineinander über. In der Straßenbahn,
die nur mit einem Fahrer und ohne Schaffner fuhr, waren neben den Wagentüren
Zahlkästen angebracht. In den vorderen Kasten hatte der Fahrgast seine
10 Pfennig - der einheitliche Fahrpreis für alle Strecken mit einer
Umsteigeberechtigung am Wilhelmsplatz - zu werfen. Eine Ermäßigung
gab es für Arbeiter und Schüler, sie konnten gegen Marken, die
es zu 20 Stück für eine Mark im Büro der Straßenbahn
gab, die Bahn benutzen. Diese Marken galten jedoch nur an den Wochentagen.
Die AEG hoffte beim Zahlkastensystem nicht nur auf die Kontrolle des Fahrers,
sondern auch auf die des Publikums, "denn auch letzteres habe die Berechtigung
zur Kontrolle und wurde seitens der Gesellschaft, wie ausgehängte Plakate
besagen, darum gebeten, vergessliche Zahler an ihre Pflicht zu erinnern.
Mit der Übergabe der Straßenbahn am 23. Januar 1898 waren die
ersten Aufbauarbeiten beendet. Nach dem die Frankfurter von ihrer Straßenbahn
Besitz ergriffen hatten, lag es nun am Magistrat, durch ein Schreiben, der
AEG den Beginn der Konzessionslaufzeit zu bestätigen. Mit dieser Anerkennung
war die Dauer des Vertrages festgesetzt. Soweit die Stadt nicht von ihrem
erstmaligen Kündigungsrecht 1918, oder dann nach jedem weiterem fünften
Jahr Gebrauch machte, sollte das Werk, das mit 55 Mitarbeitern anfing zu
arbeiten, 1948 kostenlos an die Stadt fallen.
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| Eröffnungsfahrt
der Straßenbahn am 22. Januar 1898 |
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Im Laufe des Jahres 1898 benutzten fast 1.900.000 Personen die Straßenbahn.
Noch waren jedoch die dringend erwünschten Verbindungen zur Grenadierkaserne
im Westen und zum Schlachthof im Norden der Stadt nicht realisiert. Bei
der Fortsetzung der Linie Chausseehaus/Cüstriner Straße, welche
bisher nur bis zur alten Georgenkirche (einst an der Kreuzung Bergstraße/Berliner
Str. gelegen) geführt war, musste ein Stück der Chausseestraße
sowie die Gleisanlage der Güter- Eisenbahn überschritten werden.
Die Projekte für die beiden Anschlussbahnen wurden erstellt und bei
der Regierung eingereicht. Inzwischen trafen weitere Motorwagen ein, womit
sich die Zahl auf 24 Motorwagen erhöhte. Nach der Mitte November 1898
erteilten Genehmigung für den weiteren Gleisausbau waren die Pläne
dafür öffentlich auszulegen. Wie erwartet, traf der Widerspruch
der Frankfurter Güter - Eisenbahn - Gesellschaft ein. Die Verhandlungen
wurden aber bald zu einem erfolgreichen Ende geführt. Die Güterbahn
gestattete die Überschreitung ihrer Gleise, die am Kruzifixhäuschen
und dem Gasthof "Stadt Rom", Ecke Chausseestraße/Cüstriner
Str. vorbeiführten. Es wurde vereinbart, dass beim Aufeinandertreffen
von Güterbahn und Straßenbahn, immer die Straßenbahn dem
Zug der Güterbahn die Vorfahrt lassen muss.
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| Kreuzung der Güterbahn-
und Straßenbahngleise |
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