FORTSCHRITTE BEI DER STRAßENBAHN
Der Straßenbahnverkehr begann
nach der Inflation schnell wieder auf allen Linien. Mit der Fertigstellung
des neuen Bahnhofs wurde auf dem abgetragenen Vorplatz eine neue Endhaltestelle
für die Straßenbahn errichtet. Da die verbliebene Steigung immer noch eine
erhebliche Belastung für die Motoren der Straßenbahnen bedeutete, kamen
auf dieser Strecke vorrangig die aus Kiel übernommenden Triebwagen (Tw 30
- 41) mit ihren starken Motoren zum Einsatz. Im Oktober 1924 beschloß der
Aufsichtsrat die baldige Einführung des 10 - Minuten -Verkehrs und die Ausdehnung
des Betriebes bis 23 Uhr. Wie dieser Beschluß am besten umzusetzen sei,
sollte eine Untersuchung von Dr.-Ing. Erich Giese, Professor für großstädtisches
Verkehrswesen an der Technischen Universität zu Berlin, zeigen. Im Februar
des nächsten Jahres lag das Untersuchungsergebnis vor, das von dem bisherigen
Straßenbahnnetz mit den vier Linien, die jetzt nicht mehr nach Farben, sondern
nach Ziffern unterschieden und entsprechend gekennzeichnet (Linie 1: Bahnhof
- Schlachthof, 3,49 km lang; Linie 2: Kasernen - Schützenhaus, 5,4 km; Linie
3: Wilhelmsplatz (Logenstraße) - Neuer Kirchhof, 2,16 km; Linie 4: Wilhelmsplatz
(Oberpostdirektion) - Chausseehaus, 2,02 km) wurden, ausging.
Er empfahl die bisherige Betriebsführung
fortzuführen und den Wilhelmsplatz, wo sich alle Bahnen trafen, weiter als
zentrale Umsteigestelle zu belassen. Um einen flüssigen Ablauf bei der Verdichtung
des Verkehrs auf 10 Minuten zu erreichen, sah er vor, die Gleisanlagen in
der Innenstadt zu verändern. Zweigleisiger Ausbau der Strecken in der Innenstadt,
ein Gleiswechsel von der Fürstenwalder Str./ Wilhelmsplatz zum Kleinen Wilhelmsplatz,
Herausnahme der Gleise aus der Scharrnstraße und neue, sicherer gestaltete
Haltestellen mit Bahnsteigen am Wilhelmsplatz.
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| Blick auf den kleinen Wilelmsplatz mit neuen
Bahnsteigen |
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Durch die Zurücksetzung der
Wartehalle nach Westen war eine besser zu befahrende Gleisverbindung möglich.
Künftig sollte die Linie 4 nicht mehr in der Logenstraße, sondern von der
Post abfahren. Dieses Gutachten wurde zur Grundlage des weiteren, systematischen
Ausbaus der hiesigen Verkehrsanlagen. Seit Juni 1925 die Bahn im Rhythmus
von 10 Minuten. Nach dem Einbau des Gleiswechsel zum Kleinen Wilhelmsplatz
konnte die Linie 3 bis zum Chausseehaus weitergeführt werden. Mit dieser
neuen Linie 3 (Chausseehaus - Neuer Kirchhof) erübrigte sich die bisherige
Bahnlinie 4, die zum 1. Oktober 1925 eingestellt wurde. Die im Gutachten
angesprochene alte Wartehalle wurde abgerissen. F.E.W. und Magistrat verständigten
sich Anfang Dezember 1925, "mit Umbau der Verkehrsanlage am unteren Wilhelmsplatz
an beiden Ecken der Gartenanlage zwei quadratische Bauten von je 8 m Seitenlänge
zu errichten, die als Ausstellungs- und Verkehrsbauten" dienen sollten.
Die Häuser konnten schon im Februar des nächsten Jahres eröffnet werden.
Das südliche Verkehrshaus diente als neuer Beratungs- und Verkaufsraum der
F.E.W.. Im nördlichen, heute noch vorhandenen Haus befand sich der Warteraum
der Straßenbahn, der Personalraum sowie ein Zigarren- und Zeitungsstand,
wo die Fahrgast auch Straßenbahnfahrscheine und Bahnabonnements erhielt.
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| Straßenbahnhäuschen am Wilhelmsplatz |
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Die neue, gut ausgeleuchtete
Verkehrsanlage am Wilhelmsplatz, besichtigten dann oft Vertreter anderer
Straßenbahnunternehmen. 1929 wurden hier noch zwei Leuchtsäulen aufgestellt.
Nach dem Vertrag mit der Hastrag Haltestellen Reklame - Gesellschaft m.b.H.
Berlin kamen im nächsten Jahr noch eine Reihe solcher Haltestellenleuchtsäulen
auf allen Strecken zur Aufstellung. Mit der Empfehlung im Gutachten zur
Einrichtung von Kraftomnibuslinien im Überlandverkehr hatte die F.E.W. jedoch
keinen Erfolg. Die Buslinien, mit denen der Reisende ab August 1925 nach
der Buschmühle bei Frankfurt, nach Göritz, Drossen, Dahmsdorf und Crossen
fahren konnte, wurden zu einem geschäftlichen Verlust und mußten deshalb
im März 1929 wieder eingestellt werden.
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| Bus
der F.E.W.- Überlandlinie
Frankfurt (Oder) - Göritz |
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Durch die Verkehrsverdichtung
machte sich die Anschaffung neuer Straßenbahnwagen erforderlich. Anfang
Juli 1927 konnten sechs neue Motorwagen (Tw 42-47) und sechs Beiwagen (Bw
128-133), hergestellt von der Görlitzer Waggon- und Maschinenbau- AG (WUMAG)
erstmalig eingesetzt werden. Bei der Vorstellung der neuen Straßenbahnwagen
hob die F.E.W. besonders die neuen AEG-Motoren hervor. Während vordem durch
Reihen- oder Parallelschaltung der Motoren zwei Geschwindigkeiten gefahren
wurden, ermöglichten die zwei "Wendepol- Leichtgewichts- Motoren von 33
kW-Leistung" mit den jeder Triebwagen ausgestattet waren, "eine weit feinere
Geschwindigkeitsabstufung, ... lediglich durch Änderung der Feldstärke".
Der umschaltbare Fahrschalter war entsprechend für neun Fahrstufen und sieben
Bremsstufen eingerichtet. Bald nach der Einweihung des neuen Stadions in
der Dammvorstadt im Mai 1927 schlug, nach einem allgemeinen Wunsch, der
Magistrat der F.E.W. vor, die bestehende Linie 2 über das Schützenhaus hinaus,
zum Stadion zu verlä ngern. Die F.E.W .wollte diese wirtschaftlich unrentable
Erweiterung nicht, nur für die Sommermonate ließ sich dafür eine regere
Benutzung erwarten. Die Stadt konnte jedoch auf eine Erweiterung bestehen,
mußte dann aber der Straßenbahn die Mindesteinnahmen gewährleisten. Dieser
Fall traf jetzt ein, gegen Anerkennung einer Schuld von 200.000 RM, zinslos
auf fünf Jahre gestundet, wurde die Verlängerung (zweigleisig und als besonderer
Bahnkörper) mit einer großen Wendeschleife, der ersten in Frankfurt (Oder),
1927 errichtet.
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| Verlängerung
der Linie 2 zum Stadion |
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Unterdessen verhandelte die
F.E.W. über eine Veränderung des Konzessionsvertrages. Seit der Vertragsveränderung
von 1922 galt, daß sämtliche Investitionen zur Erweiterung von Bahn und
E- Werk, die in den letzten Jahren vor dem Heimfall des Werkes an die Stadt
(1947) getätigt wurden, innerhalb von 10 Jahren abzuschreiben sind. Die
Direktion der F.E.W. wollte eine Verlängerung der Abschreibungsfrist erreichen.
Die Stadtverordnetenversammlung stimmte einer Verlängerung auf 20 Jahre
zu. Das Unternehmen sollte bei der Übernahme keine ungedeckten Schulden
aufweisen. Nach dem erfolgreichen Abschluß der Konzessionsverhandlungen
entfiel für die Stadt der Zuschuß, den sie der F.E.W. bislang für jeden
Meter verlegter Leitung und Kabel zu leisten hatte. Die F.E.W. wollte jetzt
auch allen Stromabnehmern die Umstellung zum Wechselstrom erleichtern und
ihnen die Kosten für die damit notwendigen Installations- und Umstellungsarbeiten
erstatten. Die vorbereiteten Verbesserungen bei der Straßenbahn traten mit
dem neuen Fahrplan am 1.Oktober 1928 in Kraft. Die Hauptlinien 1 und 2 sollten
probeweise im Rhythmus von sechs Minuten fahren. Später fuhren dann alle
Linien im 8 - Minuten - Takt. Der Bahnbetrieb begann von nun an zeitiger.
Mit allen Bahnen war jetzt der Zug 6.42 Uhr nach Berlin zu erreichen. Die
letzte Bahn fuhr 23.10 Uhr ab Wilhelmsplatz. Die Bahn fü hrte Berufsfahrerkarten
ein; Wochenkarten mit zwei Fahrten täglich für 1,30 RM. Für die dichtere
Zugfolge wurden weitere fünf neue Triebwagen (Tw 48-52) und zwei Beiwagen
(Bw 134/135) gekauft. Die neuen, bei Christoph & Unmack, Niesky, hergestellten
Wagen besaßen im Dach rotierende Flettner-Lüfter, die "die Gewähr für beste
und hygienisch einwandfreie Lüftung des Wageninnern" boten. Ihnen folgten
im Juli 1929 noch fünf weitere Triebwagen (Tw 53-57), die jetzt von der
Trieb- und Waggonfabrik Wismar kamen.
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| Zweigleisige Gleisanlage in der Hindenburgstr. |
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Die Auswertung des Betriebsergebnisses
vom probeweisen Betrieb im 6 - Minuten - Verkehr zeigte, daß der Betriebsverlust
der Bahn höher als erwartet, ausfallen würde. Deshalb beschloß der Aufsichtsrat,
die schon diskutierte Fahrpreiserhöhung durchzuführen und ab 1. Februar
1929 zum 20 Pfennig - Tarif überzugehen. Inzwischen war die erste Ausbau
- Etappe des Städtischen Krankenhauses beendet. Es stellte sich hier erneut
die Frage, wie die Verkehrsanbindung erfolgen könnte. Nach einem Vorschlag
aus der Stadtverordnetenversammlung richtete die FEW zwei Autobuslinien
als Anschluß an die Straßenbahn ein. Ab 24. Juli 1929 fuhren zwei Autobusse
als Linie A von der Nordseite des Verkehrshauses am Wilhelmsplatz zum Krankenhaus
in der Goepelstraße. Die Linie B befuhr als Ringlinie die inzwischen durch
neue Straßen erweiterte Dammvorstadt. Nach diesen grundlegenden Veränderungen
besaß Frankfurt am Beginn der dreißiger Jahre ein zeitgemäßes Verkehrsnetz,
welches der damaligen Ausdehnung der Stadt entsprach.
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