KRIEG UND INFLATION

Die weitere Ausdehnung der Straßenbahn und stärkere Nutzung des elektrischen Stromes wurde 1914 durch den Beginn des Ersten Weltkrieges jäh unterbrochen. Das Leben in der Stadt veränderte sich. Die an die Front einberufenen Männer fehlten zu Hause. Seit 1915 wurden zunehmend Frauen als Fahrer der Straßenbahnen eingesetzt. Das oft kritisierte Zahlkastensystem wurde abgeschafft und zusätzlich Schaffnerinnen eingesetzt.

Einsatz von Frauen bei der Straßenbahn im I. Weltkrieg


Der Krieg lastete zunehmend auf dem Werk. Die Kupferleitungen wurden entfernt und mussten durch Leitungen aus Zink und Stahl ersetzt werden. Bei der Straßenbahn fielen immer mehr Wagen wegen Motorschaden aus. Die Anker der Motoren waren minderwertig, neu gewickelte Anker schlugen oft schon am ersten Tag wieder durch. Währenddessen mehrten sich die Störungen beim Strombezug. So führte nasse Kohle in den Januartagen 1917 zur Vereisung der Kohlentransportanlage im Kraftwerk Heegermühle. Wenige Tage später musste infolge Kohlemangel ab 28. Januar die Stromlieferung eingestellt werden, weil der vom Kriegsamt zugesagte Extrazug Kohlen nicht eingetroffen war. Es fehlten Transportmittel zur Beschaffung der Kohlen. Die Qualität der dem Kraftwerk gelieferten Kohle verschlechterte sich immer mehr. Da das Frankfurter Elektrizitätswerk nicht ausreichend Strom selbst herstellen konnte, mussten diese Störungen zur Einschränkung des Betriebes führen. Nach vereinzelten und kurzzeitigen Betriebseinstellungen wurden ab 6. November 1917 die Linien verkürzt. Lichtreklame und Schaufensterbeleuchtung wurde verboten, es war jetzt nur noch gestattet, 80 % des 1916 für Lichtzwecke verbrauchten Stromes zu entnehmen. Die Not wurde größer. Die Bevölkerung hungerte und fror. Der Preis für die geringwertige Kohle war um 50 % gestiegen. Die vom Staat erhobene Kohlensteuer und Verkehrssteuer brachten dem Elektrizitätswerk und Straßenbahnverwaltung zusätzliche Probleme, denen sie durch eine Erhöhung des Strompreises ab 1. Januar 1918 um 25 % und später auf 35 % begegneten. Ab 1. Juli wurden die Straßenbahnpreise erhöht. Statt 10 Pfennige kostete die Fahrt jetzt 15 Pfennige.

Erste Fahrpreiserhöhung von 10 auf 15 Pfennig


Zum ersten Mal sank 1918 der bisher von Jahr zu Jahr gestiegene Stromverbrauch. Der Kundenzuwachs ging zurück. Fast 10 % der Abnehmer meldeten ihren Stromanschluss ab. Der lang andauernde Krieg und die immer stärker werdende Not erforderten Veränderungen. Das Kaiserreich brach zusammen, am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen. Nach dem Ende des Krieges kam in Frankfurt die Wirtschaft nur schwer wieder in Gang. Immer mehr Menschen mussten von dem neu beim Magistrat geschaffenen Wohlfahrtsamt unterstützt werden. Die Oderstadt Frankfurt musste sich nach dem Ende des Krieges neu orientieren. Sie hoffte sich als Zentrum der "mittleren Ostmark" herauszubilden. Im großen Umfang wurden Notkredite der Regierung und über Schuldverschreibungen beschafftes Geld für Notstandsarbeiten genutzt. Diese Arbeiten, die die hohe Arbeitslosigkeit einschränkten, sollten zugleich die Standortbedingungen verbessern und neue Industriebetriebe nach Frankfurt führen. Wegen dem akuten Wohnungsmangel beförderte der Magistrat den Siedlungsbau. Die neu erbaute Siedlung im Langen Grund war die erste in der Stadt, in der eine zusammenhängende Straßenbeleuchtung installiert wurde. Seit Juli 1921 brannten hier von Einbruch der Dunkelheit bis 24 Uhr neun "elektrische Notleuchten". Vor allem mühte sich die Stadt um die aus den Restbezirken der ehemaligen Eisenbahnverwaltungen Posen und Bromberg neu gebildeten Eisenbahndirektion Osten. Nach der Zusage der Verlegung nach Frankfurt (Oder) bildete die Stadt und Reichsbahnverwaltung die Siedlungsgesellschaft "Ostmark", die 600 Wohnungen für die Beamten der Direktion bauen sollte. Die Stadt dehnte sich aus, Baulücken wurden gefüllt. Und immer wieder erreichten den Magistrat Anträge des Elektrizitätswerkes zur Genehmigung neuer Stromleitungen, sei es in der Humboldtstraße, im Grünen Weg und vor allem im Westen der Stadt, wo die Siedlung Paulinenhof entstand.

In Wort und Bild
Frankfurt nach dem I. Weltkrieg als Hauptstadt der mittleren Ostmark


Die ständigen Streitigkeiten mit der Lokalbahn um die Tarife - inzwischen kostete die Straßenbahnfahrt 50 Pfennig - ließen beim Magistrat den Wunsch zur Lösung des Vertrages mit der Lokalbahn laut werden. Rechtzeitig vor Beendigung des 25. Betriebsjahres kündigte die Stadt den Vertrag. Nach einem Gutachten wollte sie das Werk in der Form eines gemischtwirtschaftlichen Betriebes fassen. Am 13. März 1922 wurden die entsprechenden Verträge zwischen der Stadt und der Allgemeinen Lokal- und Straßenbahn AG geschlossen. Damit war die "Frankfurter Elektrizitätswerke GmbH (F.E.W.)" gegründet, an der die Stadt zur Hälfte beteiligt war. An der Spitze des achtköpfigen Aufsichtsrates stand der Oberbürgermeister der Stadt, Dr. Paul Trautmann. Die Stadt zahlte der Lokalbahn 3.984.087,21 RM. Kaum ein Geschäft der Stadt dürfte günstiger als dieses gewesen sein, konnte doch, durch die Kündigung am Beginn der Inflation, die Summe noch in Papiermark gezahlt werden. Die neue Gesellschaft unter Leitung der beiden bisherigen Betriebsdirektoren Waldemar Werner und Erich Straub, begann am 1. April 1922 mit ihrer Tätigkeit. Zu diesem Zeitpunkt hofften die Geschäftsführer, dass bald die Probleme bei der Strombelieferung aufhören würden, plante doch die MEW, inzwischen vollständig im Besitz der öffentlicher Hand, die Schaffung eines zentralen Großkraftwerkes. Dazu erwarb die MEW die Braunkohlengrube Finkenheerd, wo durchschnittlich 10 m dicke Braunkohlenflöze, überdeckt von 15 bis 90 m Deckengebirge lagerten. Im September 1921 begann am Brieskower See nach den Plänen von Warrelmann der Bau des Kraftwerkes. Derweil drehte sich die Inflationsspirale immer schneller. Am 28. Dezember 1922 stellte die nur noch eine Schicht von 11 bis 19 Uhr fahrende gelbe Linie ganz ihren Betrieb ein. Im Februar folgte die Einstellung der grünen Linie. Am Tiefpunkt der Inflation im November 1923 betrug der Fahrpreis 100 Milliarden Mark. Bis auf sechs Triebwagen waren alle Wagen wurden zur Reparatur ausgeschlachtet. Doch der Betrieb lief. Anders als in vielen anderen Städten war in Frankfurt während der Inflation die Straßenbahn nicht vollständig eingestellt worden.

1 Billion Mark


Während der Inflation lieferte das Elektrizitätswerk sechs bis acht Wochen den Abnehmern Strom im Voraus, was fast zum Ruin des Werkes führte. Die Abschlagszahlungen in der Höhe der Vormonatsrechnung waren schon bei Zahlungseingang so entwertet, dass die Beträge wiederum nur einen Bruchteil der neuen Rechnung ausmachten. Am 20. September 1923 kostete die Kilowattstunde 8,3 Millionen Papiermark. Die Abnehmer sparten und konnten dennoch vielfach die Stromrechnung nicht mehr bezahlen. Die Situation spitzte sich für die F.E.W. dramatisch zu, als der Reichskohlenrat im September 1923 beschloss, die Kohlenpreise wöchentlich in Goldmark festzusetzen. Jetzt ging der Stromlieferant zu einer täglichen Bezahlung des Stromes nach dem Dollarkurs des Tages über. Die F.E.W. mussten also Betriebskapital für eine ganze Woche zum Tagesgoldmarkwert aufbringen, während bislang wöchentlich nachträglich in Papiermark gezahlt werden konnte. In dieser ausweglosen Lage musste das Elektrizitätswerk handeln, anderenfalls war binnen kurzer Zeit eine Betriebseinstellung unumgänglich. Ab 25. September 1923 wurden die Stromrechnungen in Goldmark ausgestellt. Auch der MEW zerrann das eingehende Geld trotz aller Gegenmaßnahmen in den Händen. Es gelang jedoch, den Bau des Kraftwerkes fortzuführen. Im Juli 1923 ging das Kraftwerk, das in seiner ersten Aufbaustufe 12,5 MW leistete, in Betrieb und schickte den gewonnen und auf 50.000 Volt hochgespannten Strom über das neue Höchstspannung-Verteilungsnetz zu den Abnehmern. Fortan sollte der Rauch aus den 110 m hohen Schornsteinen vom Betrieb des Kraftwerkes in Finkenheerd und seiner größer werdenden Leistung künden. 1928 leistete es 120 MW, 1931 170 MW und seit 1942, nach dem Einbau von zwei weiteren Turbosätzen, 270 MW.

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