EIN NEUER BEGINN
Durch Beschuss, Bombardierung und Brandstiftung wurde die Altstadt zu einer
Ruinenstadt. Unter den in Frankfurt Gebliebenen war Dr. Ernst Ruge, ein
von den Nazis seines Chefarztpostens enthobener Mediziner, der jetzt mit
dem Bürgermeisteramt beauftragt wurde. Der von ihm gebildete Magistrat
versuchte, die scheinbar unlösbaren Probleme zu bewältigen.
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| Regierungsstraße/ Ecke Richtstraße |
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Auch die Bedingungen für die Ingangsetzung der Stromversorgung und
der Straßenbahn waren mehr als ungünstig. Sämtliche Leitungen
zum Kraftwerk Finkenheerd waren unterbrochen. Das Kraftwerk selbst arbeitete
nicht. In der Grube Finkenheerd waren die Schachtanlagen Wilhelm und Katja
überflutet, im Tagebau Helene brannte das Kohlenflöz. Das Elektrizitätswerk
in Frankfurt stand zwar noch, da eine beabsichtigte Sprengung der Werkes
verhindert wurde, aber ein Bombentreffer vor dem Depot in der Bachgasse
hatte den Betrieb der Wagenwerkstatt und die Nutzung der Hallen lahm gelegt.
Die Schienen in den Straßen waren vielfach kaputt, Masten zersplittert
und mancher Aufhängepunkt für die Oberleitung durch den Einsturz
des Hauses nicht mehr vorhanden. Mindestens 9 Triebwagen und 24 Beiwagen,
welche teilweise zu Straßensperren verwendet wurden, waren nicht mehr
verwendbar. Sämtliche Busse waren verloren. Von 77 Trafostationen waren
27 beschädigt oder völlig zerstört. Ein zusätzliches
Problem für die künftige Stromversorgung ergab sich mit der angeordneten
Räumung der Dammvorstadt, welche künftig zum polnischen Territorium
gehörte. Das Umspannwerk Ost stand damit nicht mehr zur Verfügung.
Womit sollte Anfang Mai 1945 begonnen werden? Zur Erzeugung von Strom fand
sich im Frankfurter Werk der Dreiring Werke KG, Küstriner Str. 10,
ein intakter Elektrogenerator von ca. 350 kW. Am 4. Mai begann damit die
erste provisorische Stromerzeugung. Strom für die Krankenhäuser,
die Kommandantur und das Wasserwerk. Das Kraftwerk in Finkenheerd, ursprünglich
zur vollständigen Demontage im Rahmen der Reparationsleistungen vorgesehen,
arbeitete bald wieder. Jetzt musste das 15 kV Hauptkabel von Finkenheerd
repariert werden. Bis zum 16. Juni waren die Arbeiten beendet und die Leitung
konnte genutzt werden. Die Einspeisung erfolgte in der Notstromanlage "Alter
Wasserturm" von einem 1.000 kVA-Umspanner von 15 auf 6 kV. Bis zum
1. August war der Ausbau der 15 kV-Leitung mit Einsatz aller nur einsatzfähigen
Arbeitskräfte des F.E.W. und MEW bis zum Umspannwerk, Fischerstraße
6, beendet und der Strombezug konnte wieder voll aufgenommen werden. Beliefert
wurden das 600-V-Bahnnetz, das zweimal 120-V-Gleichstromnetz und das 6-
kV-Drehstromnetz.
Ende Mai 1945 erteilte die sowjetische Kommandantur den Auftrag, die Straßenbahn
in Gang zu setzen. Dazu konnte ein Teil der dringend benötigten Materialien
mit Genehmigung der Kommandantur aus der Dammvorstadt geholt werden. 57
Gittermasten und anderes Material wurden geborgen. Auch die an der dortigen
Endhaltestelle Stadion abgestellten Straßenbahnfahrzeuge wurden in
das Depot gebracht, wo sie mit den anderen Bahnen nach und nach wieder betriebsfähig
gemacht wurden. Am Ende des Jahres 1945 waren 24 betriebsfertige und reparierbare
Triebwagen, 22 Beiwagen sowie 6 andere Wagen und Loren vorhanden. Nach wenigen
Wochen intensiver Bauarbeit am Schienennetz und der Oberleitung war es am
10. Juli 1945 soweit, die Linie 3 konnte eingleisig vom Wilhelmsplatz bis
zum Neuen Friedhof befahren werden. Es folgten die eingleisigen Strecken
vom Wilhelmsplatz zum Schlachthof, zum Bahnhof und zum Chausseehaus. Die
weitere Reparatur der Oberleitung wurde "nach Beschaffung von Fahrdraht
aus der Grube Finkenheerd" möglich, so dass Ende August die Linien
1 und 3 wieder zweigleisig befahren werden konnten. Der schwierigste Abschnitt
war im Bereich der Straßenbahnlinie 2, wo durch die gesprengten Eisenbahnbrücken
in der Hindenburgstraße kein Durchkommen möglich war. Mit der
Fertigstellung dieser Strecke konnte ab 28. September auch wieder die Linie
2, als letzte der noch im jetzigen Stadtgebiet ausstehenden Linien im 15
Minuten-Verkehr betrieben werden. Indessen konnte die Wagenwerkstatt weitere
Triebwagen nach ihrer Reparatur und Durchsicht dem Verkehr übergeben.
Zusätzliche Züge ermöglichten die Verdichtung der Zugfolge.
Ab 1. Februar fuhr die Bahn von 6 bis 23 Uhr schon im Rhythmus von 12 Minuten
und dann, ab 1. April 1946, war, mit dem täglichen Fahrbeginn 5 Uhr,
schon wieder eine Verkehrsfolge von 10 bzw. 8 Minuten möglich. Wie
in der Abteilung Straßenbahn vollzog sich auch in den anderen Abteilungen
und der Verwaltung des gesamten Werkes, das seit November 1945 von Karl-Heinz
Boehmer geleitet wurde, der Wiederaufbau. Da 1945 die F.E.W. nicht mehr
ihr Verwaltungsgebäude in der Logenstraße beziehen konnte, mussten
in der Fischerstraße Verwaltungsräume eingerichtet werden.
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| F.E.W. Straßenbahnwerkstatt 1947 |
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Das große Verwaltungsgebäude war zur Unterbringung von Geschäften
vorgesehen. Dann bezog die 1948 neu gegründete Staatliche Handelsorganisation
(HO) das Haus. 1946 trat eine entscheidende Änderung bei der F.E.W.
ein. Am 25. November 1946 beschloss die Provinzialregierung den 50-prozentigen
Anteil der Allgemeinen Lokalbahn- und Kraftwerke AG Berlin zu sequestrieren.
Theodor Schlüter, Stadtrat für Wirtschaft beim Rat der Stadt wurde
als Treuhänder des Landes für diesen Anteil an der F.E.W. eingesetzt.
1947 wurde ein neuer Aufsichtsrat gebildet, an dessen Spitze der in der
NS-Zeit mehrfach verhaftete Oskar Wegener, Dr. Ruges Nachfolger, stand.
Mit der F.E.W. war er schon aus seiner Zeit als Stadtverordneter in der
Weimarer Republik vertraut. Ende 1946 bezogen schon wieder fast 13.600 Verbraucher
ihren Strom von der F.E.W. In der ganzen sowjetischen Besatzungszone reichte
der Strom jedoch längst nicht für die vollständige Versorgung
aus. Auch das Kraftwerk Finkenheerd erbrachte auf Grund der Demontagen und
anderen Gründen nur eine stark verminderte Leistung. Der Bezug von
Elektroenergie wurde deshalb durch den SMAD-Befehl Nr. 55 vom 13. Februar
1946 rationiert. Stromabschaltungen waren an der Tagesordnung. Aufgabe der
F.E.W. war es jetzt, den Stromverbrauch aller Konsumenten zu kontrollieren
und über die Einhaltung des monatlichen Kontingents zu wachen. Mit
dem Beginn des Winters 1946/47 traten zunehmend Schwierigkeiten in Finkenheerd
auf. Der erhöhten Verbraucherzahl stand eine reduzierte Strommenge
gegenüber. Der andauernde Winter beanspruchte auch die hiesige Straßenbahn
über Gebühr. Durch die schlechte Ersatzteillage fielen Triebwagen
aus. Um nicht die Motorwagen in dieser Situation zusätzlich durch die
ansteigende Bahnhofstraße zu beanspruchen, wurde die Linie 1 verlegt.
Sie fuhr jetzt die Strecke Schlachthof - Buschmühlenweg.
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| Bischofstraße/ Ecke Gr.Scharrnstr. |
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In dieser angespannten Situation erließ die SMAD am 17. Januar 1947
ihren Befehl Nr. 24 zur Stromersparnis und Reduzierung des Verbrauchs. Betriebe
hatten ihren Verbrauch zu reduzieren. Um dennoch weiter produzieren zu können,
hieß dies Umstellung auf Nachtarbeit. Ebenso musste der Fahrbetrieb
von Januar bis März reduziert werden. Die Bahneinschränkungen
sollten dann dazu führen, dass 1947 fast eine Million weniger Fahrgäste
befördert wurden (1946 12.918.269/1947 12.000.648). Der Tagesablauf
der Frankfurter richtete sich zunehmend nach der Strombelastungskurve. Aber
mit dem Ende des Winters sollten die Schwierigkeiten noch längst nicht
beendet sein. Die anschließende Schneeschmelze ließ die Oder
anschwellen. Nach dem Bruch des Dammes bei Reitwein wurde das Oderbruch
überschwemmt. Vom 21. März bis 28. März 1947 musste wegen
Überflutung auch das Kraftwerk Finkenheerd außer Betrieb gesetzt
werden. In der Stadt Frankfurt überflutete das Wasser die tiefer gelegenen
Stadtteile, die Streckenabschnitte zum Schlachthof und zum Chausseehaus
konnten kurzzeitig nicht befahren werden. Das Wasser drang zum F.E.W. Gelände
in der Fischerstraße vor, wo am 23. März das gesamte Elektrizitätswerk,
die Wagenhallen und das Materiallager unter Wasser standen. Am 19. Juli
1947 konnte endlich die "Märkische Volksstimme" vermelden:
"Wieder normaler Straßenbahnbetrieb". In dem Artikel kündigte
K.-H. Boehmer zugleich an, daß die Straßenbahnen auf dem Platz
der Republik, wie der Wilhelmsplatz jetzt hieß, den "so genannten
Beeren- und Pilzsammlerzug aus Richtung Cottbus, der um 22.51 Uhr eintrifft,
abwarten". Außerdem bot die Straßenbahn, "auf allgemeinen
Wunsch der Kolonialwarenhändler" einen Güterzug für
den Transport von Obst und Gemüse an. Schon im Juni transportierte
die Bahn 25t, im Juli, waren es 120, im August 1947 dann 180 t. Durch eigene
Reparaturen der F.E.W. verbesserte sich zunehmend der Wagenpark. Am 21.
Dezember 1947 wurde mit dem neuen Fahrplan "das für die nächsten
Jahre bestehende Liniensystem eingeführt". Die Linie 1 fuhr vom
Markt am Rathaus zum Bahnhof, Linie 2 vom Westkreuz bis zum Schlachthof
und die Linie 3 verkehrte vom Neuen Friedhof bis zum Chausseehaus.
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| Fahrzeugkorso zum 50. Jahrestag 1948 |
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Wenige Wochen später feierte die F.E.W. mit ihren über 500 Mitarbeitern
den 50. Jahrestag von Strom und Straßenbahn. Besonders dürfte
den Frankfurtern die Rundfahrt von Straßenbahnen aus diesen 50 Jahren
in Erinnerung geblieben sein, die Fahrgäste waren in der Mode der jeweiligen
Zeit gekleidet. Eine Festschrift erschien, die vor allem eine Bilanz des
schweren Beginns zog und bei allen Gegenwartsproblemen optimistisch in die
Zukunft blickte.
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